Zu­fluchts­ort Pan­kow

Jede Woche eine Begegnung: mit dem „vietnamesischen Pankow“, mit jungen Leuten mit Fluchtgeschichte, die auf dem Weg sind, und mit geflüchteten Frauen. Pankow als Zufluchtsort.

Der letzte Monat, in dem „Hasan in Pankow“ zu sehen ist, brachte und bringt eine Fülle von Begegnungen. Woche für Woche eine Begleitveranstaltung.

Am 22.Februar 2018 wurde der Film „Das sind wir – irgendwann“ – der auch als Video in der Ausstellung zu sehen ist – auf der größeren Leinwand und vor vielen Besucher*innen gezeigt. Daniellis Hernández Calderón und Jennifer Herbst porträtieren darin acht Jugendliche, denen sie nach deren Flucht vor drei Jahren in einer Willkommensklasse in Pankow begegnet sind. Nach drei Jahren erzählen sie, was inzwischen passiert ist, ob und wie sie „angekommen“ sind, wo sie heute stehen und was sie bewegt.

Filmausschnitt „Da sind wir – irgendwann“

Eine ganze Reihe dieser Jugendlichen und ihre Freunde und Freundinnen waren an diesem Abend auch unter den Gästen. Im Hintergrund auch für und mit diesem Film und den jungen Leuten, um die es geht, aktiv: die Migrantenorganisation MaMis en Movimiento. Sie stellt sich selbst so vor: „Wir sind ein Verein der von spanisch- und deutschsprachigen Menschen gegründet wurde, die in Berlin und Potsdam wohnen. Wir fördern die Zweisprachigkeit und die aktive Teilhabe an der Gesellschaft, in der wir leben.“

Zum „Vietnamesischen Pankow“ waren vier Gesprächspartner*innen zu einer Runde eingeladen worden, die Hung Manh Lee moderierte. Durch zwei Frauen aus der Runde war die Lage der Vertragsarbeiter*innen in der DDR präsent: Hoai Thu Loos arbeitete 1987 als Dolmetscherin und Gruppenleiterin für Vertragsarbeiterinnen in einem Ostberliner Konfektionsbetrieb. Die Mutter von Nhu Quynh Nguyen war Vertragsarbeiterin; sie selbst studierte an der HU Berlin und engagiert sich heute sozialen Einrichtungen für Vietnames*innen, u.a. in Reistrommel e.V., ein Verein, der sich so versteht: „Alle Menschen sollen unabhängig von ihrer Herkunft das Recht der Chancengleichheit erhalten, um ein Leben in Würde zu führen und ihre Persönlichkeit frei zu entfalten.“

Cover Buch „Sungs Laden“ von Karin Kalisa

Zur Runde gehörten außerdem der in Hanoi geborene Filmemacher Duc Ngo Ngoc und Karin Kalisa, die Autorin des Buchs „Sungs Laden“, eine berührende, witzige und utopische Vision des Zusammenlebens im Prenzlauer Berg.Der Film „Obst und Gemüse“ ist eine „Integrationsgeschichte der besonderen Art“: Ein Urberliner heuert bei einem vietnamesischen Gemüsehändler im Prenzlauer Berg an, dem das Kistenschleppen mittlerweile zu schwer fällt. Duc Ngo Ngoc hat im Laden seiner Eltern gedreht. Der Trailer zum Film gibt einen kleinen Eindruck: https://www.rbb-online.de/stilbruch/archiv/20171105_2225/obst-und-gemuese.html

Filmszene aus: „Obst und Gemüse“

Schließlich gab es am 8.März 2018 – dem Internationalen Frauentag – eine Veranstaltung zu „Zufluchtsort Pankow“, bei der es vor allem um geflüchtete Frauen und ihr Leben hier und heute ging. Vorbereitet und begleitet wurde dies von zwei Migrant*innen-Organisationen und ihren jeweiligen Projekten der Flüchtlingsarbeit: moveGlobal mit dem Vorhaben samo.fa und DaMigra mit dem Vorhaben MUT. Im Zentrum der Veranstaltung standen die Berichte geflüchteter Frauen über selbstorganisierte Räume und Aktivitäten für Frauen, wie z.B. der Refugees Emancipation Women Space.

Selbstorganisierte Räume – so der starke Eindruck aus diesen Berichten – sind wichtig, um sich vor Gewalt zu schützen und die Abwehr von Gewalt zu lernen, um der häuslichen Isolierung zu entkommen und für die persönliche Emanzipation. Migrant*innen-Organisationen können wichtige Unterstützerinnen sein; aber auch andere können Akzeptanz und respektvolle Aufnahme von Geflüchteten „vor Ort“ mit bewirken, wie etwa die Flüchtlingskoordination des Bezirks, die Zukunftswerkstatt Heinersdorf oder die Unterstützungskreise von „Pankow hilft“. Darum ging es in den Gesprächen im zweiten Teil der Veranstaltung.

Abdoul Yakoubou, einer der Aktiven von moveGlobal, betrachtet die neue Säule

DaMigra und MUT: Das MUT-Projekt organisiert bundesweit Veranstaltungen sowie Beratungs- und Empowermentprojekte, die Frauen* mit Migrationsgeschichte als „Mutmacherinnen* und Brückenbauerinnen*“ für geflüchtete Frauen* durchführen. Ziel ist es, Frauen* mit Flucht- und Migrationsgeschichte in die Lage zu versetzen, in ihrem neuen Umfeld ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. MUT ist ein Projekt von MaMigra: Der Dachverband der Migrantinnenorganisationen – DaMigra – agiert seit 2014 als bundesweiter herkunftsunabhängiger und frauen*spezifischer Dachverband von Migrantinnen*organisationen. DaMigra ist parteipolitisch, weltanschaulich sowie konfessionell unabhängig. DaMigra versteht sich als Sprachrohr und Repräsentantin von 71 Migrantinnen*organisationen und setzt sich bundesweit für ihre Interessen in Politik, Öffentlichkeit, Medien und Wirtschaft ein.

MoveGlobal und samofa: samo.fa ist ein bundesweites Vorhaben. Unser übergeordnetes Ziel ist die Stärkung des Engagements und der Aktivitäten unserer 30 lokalen Partner. Die stetige und erfolgreiche Verknüpfung von lokaler Handlungsebene und Bundesebene gehört zu den übergeordneten Zielen von samo.fa. Träger von samo.fa ist der Bundesverband NeMO, ein Zusammenschluss lokaler Netzwerke von Migrantenorganisationen. MoveGlobal ist die Berliner Partnerin von samo.fa. Migrant*innen mischen sich ein: moveGLOBAL e.V. will die entwicklungspolitisch arbeitenden MDO effektiv vernetzen und qualifizieren sowie dazu beitragen, dass längerfristige Förderungen die MDO als entwicklungspolitische Akteure in der Gesellschaft etablieren. Der Verband will Migrant/innen als entwicklungspolitische Akteur/innen sichtbar machen und sie ermutigen, sich gleichberechtigt in der öffentlichen Debatte zu positionieren. Er setzt sich dafür ein, dass entwicklungspolitische Räume von einem antikolonialen, antirassistischen, emanzipatorischen Diskurs geprägt werden.

moveGlobal und samo.fa sind Mitveranstalter der Ausstellung „Hasan in Pankow“. Ihre Arbeit und ihr Selbstverständnis ist unter der Überschrift Geflüchtete im neuen Alltag zur Seite stehen Thema einer Säule, die seit Kurzem der Ausstellung hinzugefügt wurde. Auf dem Foto betrachtet Abdoul Yakoubou, einer der Aktiven von moveGlobal, die neue Säule.

WK 10.03.2018

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