Li­te­ra­tur zum The­ma Mi­gra­ti­on (An­ge­la Paul-Kohlhof, 10/2014)

So wie wir bereits erwähnt haben, gibt es bereits in der Vorbereitungsphase zur Ausstellung „Onkel Hasan“ begleitende Gesprächsrunden und Vorträge. (Die nächste Gesprächsrunde findet am 23. Oktober zum Thema „Migrantinnen und Migranten, die alt werden“ im Haus der Vielfalt statt.)

Zusätzlich zu diesem Angebot wollen wir bis zur Ausstellungseröffnung auch im Echo der Vielfalt einige Bücher zum Thema Migration vorstellen. In dieser Ausgabe besprechen wir zwei jüngst erschienene Romane: denn in den letzten Jahren gibt es vermehrt Romane, in denen die Erfahrungen mit Migration aus der Sicht der sogenannten „zweiten Generation“, die bereits in Deutschland geboren sind, oder in relativ frühem Alter nach Deutschland gekommen sind; erzählt werden. Ich möchte zwei Bücher für eine Lektüre empfehlen, die ein Bild von Erfahrungen in Deutschland, Diskriminierungen, aber auch des sich in „Deutschland zu Hause -fühlens“ vermitteln und zur Auseinandersetzung herausfordern zwischen der Mehrheitsgesellschaft und denen mit Migrationserfahrungen, wenn auch nur vermittelt über die Geschichte der Eltern und anderer Verwandte. Es handelt sich um den Roman von „Deniz Utlo: Die Ungehaltenen, von 2014, erschienen im Graf Verlag München und den Roman von Jagoda Marinic, Restaurant Dalmatia, erschienen im Jahr 2013 im Verlag Hofmann und Campe.

So unterschiedlich die Romane konzipiert und literarisch gestaltet sind, haben sie ein Spektrum ähnlicher oder gleicher Thematisierung des Lebens in Deutschland: doppelte Zugehörigkeit zu zwei Kulturen, Erleben von Intergrationsprozessen in der Mehrheitsgesellschaft geprägt von Unbehagen vermittelt über die Eltern, weshalb die Beziehung zu diesen manchmal schwierig ist. In beiden Romanen sind deshalb die Beziehung zu einem Onkel bzw. einer Tante für Gespräche, das Thema „zu Hause, oder Heimat“, was aber sehr unterschiedlich thematisiert wird, wichtig. Diese Gespräche mit Onkel und Tante vermitteln ein bißchen Distanz zu den eigenen Eltern.

Nun könnte man nach den einleitenden Worten zu den beiden Romanen annehmen, dass sie autobiografisch geschrieben sind, aber: sehr treffend antwortet Deniz Utlo auf die Frage: „Hat die Geschichte etwas mit Deiner Biografie zu tun?“ „Alles, was ich schreibe, hat etwas mit meiner Biographie zu tun. Nichts von dem, was ich schreibe, hat mit meiner Biographie zu tun. Dazwischen liegt für mich Literatur.“ Literarische Erzählung ist also nicht die autobiographische Wirklichkeit der Autoren/innen, sondern arbeitet mit „Poesie“ oder Fiktion, um Wirklichkeit deutlich zu machen. Hannah Arendt (eine jüdische, politische Philosophin) hat in ihrem Briefwechsel mit Uwe Johnson einmal geschrieben: „Von den Dichtern erwarten wir die Wahrheit.“ Die Autorin und der Autor stellen sich diesem Anspruch mit dem Versuch der genauen Erzählung „einer beschädigten Welt“, die insbesondere mit der Einwanderung (die in Deutschland immer noch Zuwanderung genannt wird) zu tun hat.

Buchtipp-Jagoda MarinicDer Roman von Jagoda Marinic wird bestimmt von den Gesprächen und Reflektionen der Protagonistin Mia mit ihrer Tante Zora in dem von ihr betriebenen Restaurant Dalmatia in Berlin Neukölln. Sie hat einige Zeit in Kanada gelebt und hatte als Fotografin großen Erfolg. Aber sie kann diesen Erfolg nicht für sich feiern, sie hört auf zu fotografieren und im Gespräch mit ihrem Freund stellt sich heraus, dass Mia die Empfehlung von ihm bekommt, sie solle doch nach Hause fahren, was sie nach einigen Überlegungen auch tut. Sie fährt aber nicht zu ihren Eltern nach Split, sondern zu Tante Zora nach Neukölln. Im Restaurant führen sie viele Gespräche. „In Kanada sagen sie, der Mensch kann sich neu erfinden. Die meisten tun nichts anderes“, berichtet sie ihrer Tante. Diese antwortet: „Natürlich kannst du dich neu erfinden. Aber nur aus dem Stoff, den du zur Verfügung hast. Man braucht viel Kraft, um aus alten Stoffen neue Kleider zu nähen. Die Kraft hast du nicht, wenn du nur auf offener See treibst.“

Die Geschichte Mias ist sehr stark von den geführten Dialogen im Restaurant ihrer Tante bestimmt. Hinzu kommt ein Übersetzer, den sie als Kind auf dem Weg zu ihrer Tante zum Essen mit genommen hat. Sie dachte er wäre ein „Penner“, den sie dann nach ihrem Aufenthalt in Kanada wieder trifft, weil er immer noch am „Angestelltentisch“ zum Essen kommt. Er ist ein wichtiger weiterer Partner für Gespräche. Das Buch besticht durch seine „poetische Genauigkeit“, die Entfaltung von Geschichten und die Darlegung des Versuchs, die „Bruchstücke“ des Lebens wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Also ein Roman auf dem Weg zu einer Identität.

Buchtipp-deniz utluDer Roman von Deniz Utlu drückt schon in der Titelwahl seines Buches einen doppelten Sinn aus: Er charakterisiert mit dem Wort „Die Ungehaltenen“ junge Deutsche, die aber vermittelt über die Migration ihrer Eltern sogenannte Menschen mit Migrationshintergrund sind. Mit „Die Ungehaltenen“ wird einerseits ausgedrückt, dass diese Generation ungehalten ist über den Umgang mit ihnen, sich also ärgern, wenn sie auf diesen Hintergrund verwiesen werden, statt wie „einheimische“ Deutsche behandelt zu werden. Gleichzeitig aber zeigt der Roman, dass es auch um das Verhältnis zu den Eltern geht. Die Schwierigkeiten der ersten Generation, sich in das „fremde Land“ einzugewöhnen, hat es ihnen schwer gemacht ihre Kinder, die hier geboren sind, zu „halten“. Dies wird besonders deutlich im Umgang von Elyas im Umgang mit dem Sterben seines Vaters; mit der Mutter kann er darüber nicht reden, wohl aber mit seinem Onkel Cemal. Dann trifft er Aylin, eine Ärztin. Es entwickelt sich eine Liebensgeschichte zwischen den beiden, die aber ein wenig von Melancholie und Ängstlichkeit geprägt ist. Nach einer Reise nach Istanbul fährt Elyas nach Berlin zurück und besucht seinen Onkel. „Ich dachte schon, du kommst nie wieder“ sagt dieser. „Hier bin ich, sagte ich“ So endet das Buch, ist es ein Ankommen?

Ich wünsche Ihnen, falls sie die Bücher oder eines davon lesen, viel Lesefreude.

Angela Paul-Kohlhof