Li­te­ra­tur: Über das Meer. Mit Sy­rern auf der Flucht nach Eu­ro­pa (An­ge­la Paul-Kohlhoff, 11/2014)

cover-ueber das meerEine Reportage
Von Wolfgang Bauer, edition suhrkamp
Mit Fotos von Stanislav Krupar

Ein Journalist und ein Fotograf haben Flüchtlinge aus Syrien auf ihrer Flucht über das Mittelmeer nach Italien begleitet. Ihr Fazit dieser „Reise“ fassen sie gleich zu Anfang der Reportage folgendermaßen zusammen: „Das Mittelmeer ist die Geburtsstätte Europas und mittlerweile Schauplatz seines größten Versagens.“ (S. 13) Sie belegen diese Aussage mit gut recherchierten Zahlenmaterial und Schilderungen über die Schlepperbanden, die die Schiffsfahrten illegal organisieren. Beispielsweise belegen sie mit einer Zahl, die folgendermaßen: An den Mauern, mit denen sich Europa nach Ende des Kalten Krieges umgab, starben bis Frühjahr knapp zwanzigtausend Flüchtlinge. Die meisten davon ertranken im Mittelmeer.“ (S. 13)

Präzise beschreiben sie die Methoden der Schlepperbanden, die trotz reichlicher Bezahlung durch die Flüchtlinge keineswegs erfolgreich verlaufen. Nicht wenige der Flüchtlinge müssen zwei oder drei Versuche wagen, ehe sie auf ein Schiff kommen können. Der Autor und der Fotograf zeigen viel Empathie für die Flüchtlinge und stellen dar, dass alle Beteiligten wissen, wie gefährlich dieser Fluchtweg ist und jeder auch mit dem Tod rechnen muss. Aber der Wunsch nach besseren Lebensverhältnissen ohne Krieg oder Unterdrückung ist stärker als das Verharren in den unmenschlichen Lebensverhältnissen.

Vor ihren mutigen Unterfangen, mit den Flüchtlingen diese Reise zu machen, waren der Journalist und der Fotograf davon ausgegangen, dass die Schiffsfahrt das gefährlichste ihrer Reportage sei. Sie wurden eines Besseren belehrt. Der Weg über Ägypten birgt mindestens genauso viele Gefahren. Eingesperrt werden, beraubt zu werden nie am Meer anzukommen.

Das Buch ist ein Dokument, was jeden Europäer beschämen muss. Der eindrücklichen mutigen Schilderung kann (?) man sich nicht entziehen. Es fordert dazu auf, eine politische Antwort zu finden, wie die Grenzen Europas sich öffnen müssen. Dazu sind insbesondere die Politiker aufzurufen, aber auch jede(r)Bürgerin/Bürger, die in kritischer Absicht Einfluss auf Politik nehmen kann. Das Buch endet mit der Aufforderung: „Zwingt die Frauen, Männer und Kinder nicht länger auf die Boote. Öffnet die Grenzen, jetzt. Habt Erbarmen.“ (S. 131)

Angela Paul-Kohlhoff