Die Gast­ar­bei­te­rin­nen! (An­ge­la Paul-Kohlhoff, 03/2015)

Ein feministischer Blick auf das Ausstellungsprojekt „Onkel Hasan“

Wenn über die erste Generation der türkischen Gastarbeiter gesprochen wird, denkt die Mehrheit der  Herkunftsdeutschen an den männlichen Typus des Gastarbeiters. Weil dies oft so wahrgenommen wird, aber dennoch eher ein Zerrbild der Wirklichkeit ist, wollen wir im Ausstellungsprojekt „Onkel Hasan“ die weibliche Seite der Arbeitsmigration nach Westdeutschland auch darstellen.

Tatsächlich war gut ein Fünftel der Arbeitsmigranten der ersten Generation weiblich (21 %). Und dies bezieht sich nur auf die Arbeitskräfte in der Türkei, die durch die Deutsche Verbindungsstelle, die die Bundesanstalt für Arbeit in Istanbul unterhielt, für „tauglich“ befunden wurden. Diese Vermittlung durch die Verbindungsstelle durchlief insgesamt drei Viertel der Arbeitskräfte, die aus der Türkei nach Westdeutschland kamen. Bei der Durchsicht des  Austausches zwischen den betrieblichen Interessenten oder der Unternehmerverbände aus Deutschland und der Verbindungsstelle stellt sich heraus, dass die Unternehmen mehr Frauen als Arbeitskräfte holen wollten, weil sie von besonderen weiblichen Fähigkeiten ausgingen: Feinmotorische Fertigkeiten, Monotonieresistenz, Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen: Zuschreibungen also, die als „ natürliche“ weibliche Fähigkeiten betrachtet wurden.

Die türkischen  Migrantinnen, die nach Deutschland kamen, kann man in zwei verschiedene Gruppen einteilen. Es gab eine Gruppe der relativ gut ausgebildeten ledigen Frauen, die der Enge des familiären Lebens entfliehen wollten und/ oder bei  den schlechten Arbeitsmarktbedingungen im ländlichen Raum kaum Chancen sahen eine berufliche Perspektive zu entwickeln. Ihr Entschluss musste meistens gegen die Eltern durchgesetzt werden. Die andere Gruppe waren verheiratete Frauen – häufig auch mit Kindern – die bessere Chancen als ihre Männer hatten, weil sie den Ansprüchen der deutschen Unternehmen eher entsprachen. Es gab also nicht nur die zurückbleibenden Frauen und Mütter, sondern auch die zurückbleibenden Männer und Väter. Eine Situation, die in der Literatur zur ersten Gastarbeitergeneration kaum Berücksichtigung gefunden hat

Die Anfangssituation in Deutschland war – bei allen Unterschieden des Umgangs damit –  ähnlich der der männlichen Arbeitsmigranten. Sie wurden in Wohnheimen in der Nähe der Fabrik untergebracht, die meistens am Rande der Stadt lagen. Die Teilnahme am städtischen Leben war also zunächst kaum möglich. Die Unterbringung mit mehreren Frauen in einem Schlafraum und eine gemeinsam zu nutzende Küche war vielen fremd und führte nichtselten zu Konflikten. Ein entscheidender Unterschied zu den Männern war aber, dass die Frauen weitaus länger in Wohnheimen lebten als diese, aber in ihrer Freizeit stärker und häufiger die Umgebung erkundeten.

Zusammenfassend kann zur weiblichen Arbeitsmigration gesagt werden, dass der Frauenanteil an den Ausländern nicht nur mit dem Nachzug von Familien erklärt werden kann, wie es häufig in der Literatur beschrieben wird. Die Migration von Frauen muss vielmehr als eine eigenständige und gewollte Entscheidung betrachtet werden. Der Emanzipationswille dieser Frauen, sich aus einengenden patriarchalischen Lebensverhältnissen und mangelnden Berufsperspektiven zu befreien, war sicherlich ein Teil der Motivation zu migrieren. Ob sie es in Westdeutschland angesichts ihrer Emanzipationsmotive dabei besser getroffen haben, bleibt aber fraglich.

 Angela Paul-Kohlhoff