Als On­kel Ha­s­an zu Hoesch kam … (Rai­ner Lich­te)

arbeitsplatzDas Haus der Vielfalt und das Hoesch-Museum planen eine Ausstellung über „Onkel Hasan“, der Mitte der 1960er Jahre als Erster seiner Familie als sogenannte „Gastarbeiter“ zu Hoesch kam. Mittlerweile leben ca. 40 Mitglieder dieser Familie in Dortmund und Umgebung, sie sind hier heimisch. Dies ist das Thema der Ausstellung.

Wie aber erging es Hasan, der zu den ersten Arbeitsmigranten aus der Türkei in Deutschland gehörte und hier als Beispiel für die erste Generation von türkischstämmigen Arbeitern stehen soll?
Als die „Generation Hasan“ nach Deutschland kam, gab es bereits viele Migranten aus Südeuropa: Italien, Spanien, Jugoslawien, Griechenland, … . Im Jahr 1964, als Hasan nach Deutschland kam, wurde der Millionste Gastarbeiter offiziell begrüßt.

Schnell wuchs die Gruppe der Türken, bei Hoesch war sie bereits ab 1971 die größte nationale Gruppierung. Aber alle Ausländer zusammen machten hier höchstens 10% der Belegschaft aus. Erinnern sich deshalb so wenige Zeitzeugen daran, ob es je Schwierigkeiten mit diesen Beschäftigten gab? Es erinnern sich allerdings auch nur wenige daran, wie die Arbeitsmigranten damals gelebt haben.

Irgendwie waren die „Gastarbeiter“ bei Hoesch kein Thema. Genauer: bei den Hoesch-Hüttenwerken in Dortmund. Über die Situation in den kleineren Tochterfirmen, in denen der Anteil der ausländischen Beschäftigten höher war, wie z.B. in Hohenlimburg, erschienen ab und zu Artikel in der Werkszeitschrift „Werk und Wir“.

Aber warum waren die Arbeitsmigranten betriebspolitisch anfangs eher eine unbedeutende Randgruppe? Dazu muss man sich die Arbeitswelt in der Stahlindustrie von vor 50 Jahren einmal vor Augen führen: Die Konjunktur brummte, Arbeitskräfte waren knapp, es wurde noch schwer körperlich unter großen Belastungen aus der Arbeitsumwelt malocht. Zwei Drittel der Arbeiter waren An- und Ungelernte, die i.d.R. erst nach langen Jahren Arbeitsplätze mit besseren Bedingungen ergatterten.

Vor allem diesen Arbeitern kamen die „Gastarbeiter“ gerade recht. Sie wurden auf die schlechten Arbeitsplätze gesetzt. Es waren junge, kräftige, motivierte Arbeiter. Die machten anfangs den Deutschen die bessere Arbeit nicht streitig. Und sie hatten nur Zeitverträge: wenn es zur Krise kommen sollte, waren sie die Entlassungskandidaten. Über 90% arbeiteten als Un- oder Angelernte vor allem an den Hochöfen, in den Stahl- und Walzwerken, gleichgültig, ob sie in der Türkei einen qualifizierten Beruf erlernt hatten oder nicht.

Wie deren Arbeit und Leben aussah und wie deren Söhne und Töchter in den nächsten fünf Jahrzehnten gelebt und gearbeitet haben, wollen wir in der Ausstellung ab März 2014 zeigen.

„Hoesch“: das war der Stahlproduzent der Dortmunder Region, mit in den 60iger Jahren bis nahezu 50.000 Beschäftigten. 1991 von Krupp übernommen, wird der größte Teil der Produktion in Dortmund 2001 stillgelegt. Hasan war sein Arbeitsleben lang bei Hoesch Hohenlimburg, das heute zu ThyssenKrupp gehört, in der Autofedernproduktion beschäftigt. nach oben

Rainer Lichte (Industriesoziologe und Stahlexperte)