Auf Wie­der­se­hen: Ha­s­an, Jo­sé, Aga­ta, Sung und die En­kel

Am 15. März 2018, abends um 18 Uhr, war der Ausstellungsraum im Museum Pankow noch einmal voller Besucherinnen und Besucher: zur Abschlussveranstaltung von „Hasan in Pankow“, der Ausstellung, die seit dem 14. Dezember 2017 dort zu sehen war. Ergänzt um insgesamt acht Veranstaltungen, mit mal weniger, mal vielen Teilnehmer*innen, aber immer mit spannenden Einblicken in die „Migrationgeschichte(n) im Berliner Nordosten“, so der Untertitel der Ausstellung.

Dieser Abschlussabend, am dem zeitweilig auch Mitglieder des im selben Gebäude tagenden Integrationsausschusses des Bezirks Pankow teilnahmen, zeigte noch einmal, wie vielfältig Einwanderung ist und was sie zur Weltoffenheit und Lebendigkeit der Stadt beiträgt. Menschen mit unterschiedlichen „Hintergründen“ berichteten und setzten damit die Reihe der „Migrationsgeschichten“ fort, die ausgehend von der Ausstellung diese in den vergangenen Wochen begleitet hatten. Flucht aus politisch unerträglichen Verhältnissen stand im Zentrum bei den Berichten von Kemal Karabulut zu den Dersim-Aleviten, von Hamze Bytici von Romatrial, der ursprünglich aus dem ehemaligen Jugoslawien kommt und – wie viele andere Roma – eine „Odyssee“ hinter sich hat, und von Jeyasangar Gopalapillai, der über das Exil der Tamilen berichtete.

Wilfried Kruse, Mitglied im Ausstellungsteam, im Gespräch mit Elizabeth Beloe, moveGLOBAL (verdeckt), Kemal Karabulut, Dersim Gemeinde Berlin und Hamze Bytici, Romatrial

Arbeitsmigration der 1. Generation und Leben und Perspektiven der „Enkel“, also derjenigen jungen Leute, die hier geboren und /oder aufgewachsen sind, wurde – anknüpfend an Schwerpunkte der Ausstellung – auch in diesem Abend noch einmal Thema, in unterschiedlicher Weise. Luiz Mazuze war aus Mozambik nach Dresden – in die ehemalige DDR – gekommen; Deniz Utlu las – gewissermaßen als Westberliner Gegenstück – aus seinem Roman „Die Ungehaltenen“ über die Söhne und Töchter der türkischen „Gastarbeiter“ – Generation.

Ümithan Yağmur erzählte, wie es ihm als Kind aus einer solchen Familie erging, dass Diskriminierung im Leben der Jungen durchaus erfahrbar ist und was ihm die aktive Mitgestaltung der Ausstellung gebracht hat. Ümithan gehörte zu der „jungen Gruppe“, die 2015 in Dortmund am „Enkel“-Teil der Ausstellung mitgewirkt haben. Schließlich machte Serdar Yazar von „Berlin braucht dich!“ im Gespräch mit Katarina Niewiedzial, der Integrationsbeauftragten des Bezirks, sehr deutlich, dass Benachteiligung von jungen Menschen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte auch heute noch stark nachwirkt, zum Beispiel bei den immer noch viel zu geringen Übergangsquoten von der Schule in eine Berufsausbildung.

Migration als Teil der gemeinsamen städtischen Geschichte

Es versteht sich, dass am Ende einer Sonderausstellung die Frage aufgerufen ist, wie es weitergeht: Wie kann Migration als Teil der gemeinsamen städtischen Geschichte in die Erinnerungsorte Einzug nehmen und dort ständig präsent sein? Und: Wie wird Einwanderung als ein prägender Teil der Stadtgesellschaft wahrgenommen bzw. besser als bisher wahrnehmbar gemacht? Hierüber sprachen – moderiert von Dr. Wilfried KruseProf. Dr. Felicitas Hillmann vom Leibnitz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner, Gülsah Stapel, Stadt- und Regionalplanerin an der Technischen Universität Berlin mit Bernt Roder, dem Leiter des Museums Pankow und mit dem Bezirksbürgermeister von Pankow, Sören Benn.

Alle stimmten darin überein, dass Einwanderung – ihre Geschichte, ihre Einbettung in die Stadt und ihr Beitrag zur städtischen Entwicklung – noch keinen angemessenen Platz gefunden haben. Dies gilt auch für Pankow und der Verweis auf die traditionell, bezogen auf Berlin insgesamt, unterdurchschnittlichen Anteile an der Bevölkerung des Bezirks kann kaum als ausreichende Erklärung für die „verspätete Aufmerksamkeit“ gelten. Wie städtische Erinnerungsorte zu Orten werden, die gemeinsame Geschichte und Gegenwart „atmen“, wird gegenwärtig auch stärker zum öffentlichen Thema, berichtete Felicitas Hillmann über eine von ihr durchgeführte Weiterbildungsreihe „Museen als Schaufenster in die neue Welt – Regionalmuseen im Fokus von Flucht und Migration“.

Bernt Roder erklärte für das Museum Pankow, dass der Impuls, der durch „Hasan in Pankow“ erfolgt sei, aufgenommen und weitergeführt werde. Für ihn sei als Erkenntnis insbesondere aus den Begleitveranstaltungen wichtig, dass es zu Einwanderung im Sinne einer gemeinsamen Geschichte vor allem Diskurs und eine breite und vielfältige Kommunikation geben müsse. Gülsay Stapel stimmte zu, unterstrich allerdings, dass es strukturierte Angebote für eine gemeinsame Erzählung geben müsse, auf die sich der Diskurs dann beziehen könne. Ein solches Angebot seien z.B. Ausstellungen.

Für Bezirksbürgermeister Sören Benn gehört dies auch zu den kommunalen Aufgaben, die ihm wichtig sind. Er betonte, dass das, was Inhalt und Botschaft der gemeinsamen Erzählung sein soll, durchaus kontrovers sein könne, weil es dabei immer auch um Deutungsmacht über soziale Realitäten ginge. Deshalb seien Angebote für eine gemeinsame Erzählung auch politische Aufgaben.

Sounds

Migration hat soundtracks – so vielfältig, wie Migration ist. An diesem Abend gab es hiervon viele „Hör“- aber auch „Seh“-Proben. Es begann mit einem direkten Bezug zur Ausstellung selbst: Nils Erhard, Dramaturg beim JugendTheaterBüro Berlin, hatte für uns die Stücke aus den beiden Hörstationen der Ausstellung zu einem medley zusammengeschnitten. Anil Arastan und Engin Isik spielten zwei Stücke für Cello und Bağlama aus der türkisch-kurdischen Musiktradition; Djwlifihy Sako ist Virtuose auf der afrikanischen Kora und Adel Al Sabawi (Gitarre), Tarik Zaghmot (Drums) und Zenab Dala (Gesang) ließen mit zwei Stücken aus dem arabischen Raum aufhören. Und schließlich waren da noch die Tamilen mit ihrer Pflege der kulturellen Traditionen aus dem Norden Sri Lankas. Zunächst tanzten Taraga George und Ancana Pakeerathan. Und dann spielte – als eines der highlights dieses Abends – der zehnjährige Abivarshan Sentilkumaran auf der Mridangam, eine zweiseitig bespannte Trommel, deren Körper aus einem ausgehöhlten Stück Jackfruchtholz besteht.

Abivarsham Sentilkumaran spielt auf der Mridangam

Ganz am Ende dann der „Abschied“ aus Pankow und die Übergabe an Luiz Mazuze und Andreas Hempel von dem Verein afropa aus Dresden. Im Jahr 2003 haben einige in Dresden lebende Afrikaner und Deutsche die Initiative ergriffen, afropa zur Förderung der afrikanisch-europäischen Verständigung zu gründen. Mittlerweile gibt es über 50 Mitglieder aus zehn Nationen. Dort, in der Dresdner Neustadt, wird „Hasan und die Enkel“ dann ab Anfang Mai 2018 zu sehen sein.

WK 24.3.2018

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